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WILLKOMMEN!

Wer liest, reist durch die ganze Welt, taucht in fremde Kulturen und neue Horizonte ein. Lesen durchbricht Grenzen, weitet die Enge des Alltags, eröffnet grenzenlose Möglichkeiten, erweckt Träume. Lesen fördert Entwicklung. Wer liest, verändert sich, wird kritisch, autonom und aktiv.

Die Deutsch-Nicaraguanische Bibliothek und der Bücherbus Bertolt Brecht arbeiten seit 1993 beziehungsweise 1987 erfolgreich in Nicaragua. Wir erwecken die Lust am Lesen bei Kindern in der Bibliothek und in Schulen, bei Gefängnisinsassen und Familien in ländlichen Gemeinden.

Öffnungszeiten:

Montag bis Freitag

von 8:00 Uhr bis 12:30 Uhr
u. von 13:30 Uhr bis 16:45 Uhr

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, wieder sind zwoelf erfolgreiche, effektive und kreative Monate vergangen, in denen der Buecherbus mit seinem Service ein Laecheln auf Kindergesichter zauberte, Ideen und Geschichten in kleine Koepfe pflanzte und die Schueler der vier Schulen in Granada, Nindiri und Niquinohomo auf Fantasiereisen schickte in fremde, weit entfernte Laender, in die Zukunft oder die Vergangenheit oder auf Entdeckungstour in unserer Welt.

Dieses abgeschlossene Jahr und gleichzeitig der Abschied bis Februar, wenn das Schuljahr erneut beginnt, wurde gebuehrend gefeiert.

Vier Piñatas gingen auf ihren Weg,um von begeisterten und juchzenden Kindern erst mit einem Stock tanzend bezwungen und danach ausgenommen zu werden und ein Buch wurde vom Team der Bibliothek zum Leben erweckt: Nie verursachte eine verletzte Zunge so viel Freude.

Ein besonderer Gast war auch eingeladen: Santa Claus tauschte seinen Schlitten gegen den Buecherbus, fuellte seinen Sack  mit Buechern statt Puppen, Spielzeugautos oder Fahrraedern und begleitete das Bibliotheksteam bei seiner froehlichen Mission.Nur einigen Kindern fiel die Aehnlichkeit auf, die dieser dunkelhaeutige Santa mit Reybil, dem Fahrer des Buecherbusses, aufwies…

Liebe Leser,

es folgen zwei Geschichten, die Geschichten von Melvin, Veronica und ihren Geschwistern. Es sind traurige Geschichten, aber auch schoene und ich erzaehle sie Ihnen, weil diese Kinder als Nutzer des Buecherbusses ein wichtiger Teil dieses Projektes sind.

Sie verdeutlichen auch einen Teil der Problematiken Nicaraguas und stehen stellvertretend fuer viele andere aehnliche Schicksale.

Dies ist eine der Realitaeten dieses Landes, jedoch bei weitem nicht die einzige.

 

Melvin

Nach einem langen Fußweg über die mehr aus Erdlöchern als sonst etwas bestehenden Straße erreichen wir unser Ziel: Ein Feldweg, der in einer Ansammlung ärmlicher Hütten endet. Hunde, Katzen, Hühner und Kinder streunen herum. Ein herumstehender Karren wird kurzerhand zum Spielobjekt, der Boden, die Hütten, die Kinder, alles scheint staubig und grau.

Die Kinder sind schmutzig, schlank, vernachlässigt, fröhlich, aktiv, laut und in nicht überschaubarer Anzahl vorhanden. Lärmend und juchzend schnappen sie sich ihre Babyhündchen und posieren stolz fürs Foto, quetschen sich zusammen, damit auch alle mit der Linse eingefangen werden können und kugeln sich vor Lachen, wenn sie sich selbst auf dem Kameradisplay entdecken.

Hier wohnen Melvin und Anibal, zwei Brüder, der eine elf, der andere sieben Jahre alt, einander wie aus dem Gesicht geschnitten mit ihrem schwarzen, glänzenden Haar, dem runden Gesicht und den mandelförmigen, fast schwarzen Augen. Die beiden sind seit Jahren Leser des Bücherbusses und besonders Melvin, von dem seine Lehrerin uns erzählt, dass er ihr bester Schüler sei, ist ein eifriger Leser.

Mit ernstem Kindergesicht blickt er beschützend auf seine Geschwister und seine junge Mutter.

Ein Junge, dem die Kindheit abhanden gekommen ist, ohne Vater aufgewachsen, der seine Mutter mit zwölf schwängerte und nochmal mit fünfzehn, aber wenigstens Geld bezahlt für seine Söhne. Zwei kleine Geschwister hat er, jeden Tag einen Fußweg von einer Stunde zur Schule zurückzulegen und seit er sieben ist, muss er auf dem Feld mithelfen. Seine Mutter ist dreiundzwanzig Jahre alt, eine hübsche Frau mit ihrem langen, schwarzgelockten Haar, den gleichen Mandelaugen wie ihre Söhne und einem netten Lächeln. An ihrer Brust der jüngste Sohn, von ihrem neuen Ehemann, ein Kleinkind mit fast blondem Haar, schläfrigen, verklebten Augen und verschmiertem Gesicht. Der Mann ist nicht da, er arbeitet, verkauft Brot auf der Straße, wie er seine Stiefsöhne behandelt, können wir nur erraten, sie bleibt ungenau. Auch sie ist ungebildet, kann kaum lesen oder schreiben, sagt aber, dass sie sehr stolz ist auf ihre Söhne, die längst schon mehr wissen als sie. Dabei blickt sie liebevoll, aber auch hilflos auf Melvin und Anibal. Gerne würde sie ihnen immer ein Frühstück mit in die Schule geben, aber manchmal hat sie einfach nichts, das sie ihnen geben könnte.

Ja, die Kindheit, die ist Melvin abhanden gekommen, nicht jedoch die Fantasie:

Sein Lieblingsbuch heißt „Sin arcoiris fuera triste“, was so viel heißt wie „Ohne Regenbogen wäre es traurig“. In der Schule, erzählt er, haben sie selber Bücher hergestellt, der Titel von Melvins Buch war: „Ohne Papier wäre es traurig“. Denn ohne Papier könnten die Menschen weder lesen noch schreiben und Bücher gäbe es auch keine.

Im Gegensatz zu diesen blumigen Titeln, mögen beide Jungs am liebsten Gruselgeschichten, die, die so richtig zum Fürchten sind. Solche haben wir leider nicht so viele im Angebot des Bücherbusses. Dafür aber viele mit bunten Bildern und das ist eines der Dinge , die Melvin an unserem Projekt gefallen. Und natürlich der Camion, der Bücherbus, dessen immer noch schneeweißes Antlitz Melvin mit einem Regenbogen und vielen Kindern, Anibal dagegen lieber mit Motorrädern und Autos verschönern würde.

Wir fragen sie nach ihren Wünschen zu Weihnachten: Für Melvin ist ein Fahrrad ganz wichtig, Anibal hätte gerne ein Spielzeugauto aus Plastik.

Melvin hat bald Geburtstag, er stellt sich vor, wie er eine Geburtstagsfeier bekommt mit Kuchen und Piñata, wie er alle seine Freunde aus der Schule einlädt und wie als Überraschungsgast Leo Messi, argentinischer Fuβballstar, auftaucht und Melvin dann sagen kann:< Ich kann nicht glauben, dass das

Realität ist!  > Denn wie für all die anderen kleinen FC Barcelona Anhänger Nicaraguas ist auch für Melvin Messi ein Held und steht meilenweit über allen anderen.

Neben diesen ganz normalen Kinderwünschen haben sie aber auch noch andere: Schuhe für den kleinen Bruder, neue Kleidung und schöne Schuhe für ihre Mutter, Sachen für die Schule, ein Haus aus Stein, ein eigenes Zimmer, einen Ausflug machen mit der Mutter.

Wenn er groβ ist, will Melvin Doktor werden, Anibal lieber Lehrer. Ob sie diese Ziele erreichen werden, steht in den Sternen, aber sicher ist, dass bis dahin noch viel Zeit bleibt zum Träumen.

Veronica

„Macht euch eure Mutter morgens euer Frühstück, wünscht sie euch viel Spaß in der Schule und verabschiedet euch mit einem Kuss?“

Eine einfache Frage, die von den meisten Kindern in Deutschland leicht mit einem Ja, natürlich beantwortet werden kann.

In Veronica jedoch löst diese Frage etwas ganz anderes aus. Tief in ihrem Inneren bewegt sich etwas, kann nicht mehr zurückgehalten werden und bricht aus: Ihre schönen, kaffeefarbenen Augen füllen sich mit Tränen.

Denn für die dreizehnjährige Veronica und ihre Geschwister Carlitos, Carla, Maria und Gioconda macht niemand Frühstück und viel Spaß in der Schule wünscht ihnen auch keiner. Sie gehen immer ohne Frühstück in die Schule. Wenn es nach den Eltern der Kinder ginge, die den ganzen Tag auf dem Markt verkaufen, würden sie gar keine Ausbildung bekommen, sondern arbeiten.

Der einzige, der sich um sie zu kümmern scheint, ist Tio Toño, der Onkel der Kinder: Das gleiche ovale und symmetrische Gesicht wie seine Nichten und sein Neffe, wettergegerbt, mit Goldzähnen, die durch sein zögerndes Lächeln blitzen. Er kann selber kaum lesen oder schreiben, sorgt sich aber darum, dass die Geschwister eine Ausbildung bekommen, bringt sie zur Immatrikulation, kommt zu Elternabenden und kocht ihnen Mittagessen, wenn sie nach Hause kommen. Vertrauensvoll schmiegen sich die Kinder an ihn, er drückt sie, legt beschützend die Arme um sie und wirkt doch selbst hilfsbedürftig. Die Lehrerin erzählt, dass er bei Elternabenden lieber von draußen zuhört und sich oft nicht herein traut.

Carlitos ist der einzige Junge, die älteren Brüder haben schon geheiratet und wohnen nicht mehr bei der Familie. Ein schüchternes Lächeln, versteckt hinter Kinderhänden, ratlose Blicke zu Boden, wenn ich ihm Fragen stelle über die Schule, seine Wünsche zu Weihnachten, was er gerne spielt. Genauso wie seine Geschwister, es kostet uns Geduld und Überzeugung, bis die Kinder anfangen, ihre Hemmungen und ihre Schüchternheit zu überwinden und uns etwas zu erzählen.

Carla, die älteste der fünf, eine Vierzehnjährige, die sehr jungenhaft wirkt, wünscht sich ein größeres Haus, eine bessere Küche und ja, ein eigenes Zimmer für jeden wäre auch schön.

Gioconda und Maria, die beiden Kleinsten, scheinen wie Zwillinge zu sein, obwohl sie fast zwei Jahre trennen, kann man sie nur an der Gröβe unterscheiden. Wenn sie sich von Santa Claus etwas wünschen könnten, dann wäre es eine Puppe, mit rosa Kleid.

Veronica wird dieses Jahr die Primaria beenden und ihre Promocion haben, die Abschlussfeier, traditionell groβ gefeiert in Nicaragua. Natürlich wünscht sie sich ein schönes Kleid und schicke Schuhe und eine Mutter, die sie schminkt und herausputzt und mit stolzgeschwellter Brust zur Feier begleitet. Und wie gerne würde sie mit ihren Geschwistern einen Ausflug machen an diesem besonderen Tag, an einen schönen Ort, weit weg von ihrem Zuhause, und einfach mal sorgenlos und unberschwert glücklich sein. Doch das wird wohl ein Traum bleiben.

Veronica wird keinen Ausflug machen mit ihren Geschwistern und auch ein elegantes neues Kleid ist nicht sicher.

Manchmal hat sie das Gefühl, als hörte ihr Leben hier auf, als gäbe es für sie keinen Ausweg aus diesem Leben. Sie hat Angst. Angst zu studieren. Angst vor all den fremden Orten. Und Angst, dass ihre Befürchtung wahr wird, dass sie niemals herauskommt und niemals ein besseres Leben leben wird.

Sie haben es schwer, die fünf Geschwister, viele Dinge entbehren sie und dennoch lächeln sie. Sie lächeln aus Verlegenheit, aus Hilflosigkeit, voller Freude, oder Stolz.

Seit August 2011 können die Besucher der Bücherei nicht nur mit Büchern ihr Wissen erweitern, sondern dafür auch auf die scheinbar endlosen Möglichkeiten des Internets zurückgreifen. Denn im grossen Lesesaal stehen zwei nagelneue Computer mit Internetzugang, die jedem Besucher ab 12 Jahren täglich für eine Stunde zur Verfügung stehen. Davon profitieren die Nutzer der Bibliothek, von denen ein Grossteil Schüler und Studenten sind, denn sie können sich so immer auf den neuesten Stand bringen.

Cine-Foro

Füsse scharren über den Boden, Flüsterstimmen aus einer Ecke – es dauert noch einige wenige Minuten, dann ist es vollkommen still. Gedämpftes Licht fällt durch die Fensteröffnung und wirft Schatten auf von Eisenstäben auf den staubigen Boden. 60 Plastikstühle im schrillen pink oder schmutzigen weiss sind besetzt:  Der sonst so triste Betonbau wird heute zu einem Kino umfunktioniert.

“Cine-Foro” – Bücher werden zu Bildern.  Wir befinden uns im Frauengefängnis “La Esperanza”. An den Boxen, dem Verstärker, der Leinwand und dem Kabelgewirr haftet noch ein Hauch des Abendrots vom Vortag an dem mit geminsamen Kräften die Materialien in den treuen Bücherbus gehievt wurden. Mit verschiedenen Erwartungen  wird das Personal der Deutsch-Nicaraguanischen Bibliothek empfangen. – am heutigen Tag wird “Das Tagebuch der Anne Frank” gezeigt.

Erfreulicherweise hatten sich schonmal einige Frauen das Buch aus dem Sortiment entliehen, so ist der Inhalt für viele nicht neu. Dennoch wird ein kurzer Informationsschub vorab gegeben: Die Zeit, der Ort des Gesehens und die Umstände.

Der  Film beginnt und die Frauen verlieren sich in der Welt von dem jungen und impulsive Mädchen “Ana”.  Ein Mädchen, das eingesperrt in der Zeit des Nationalsozialismus, konfrontiert mit familiären Konflikten und gleichzeitig mit dem Erwachsenwerden , eine unglaubliche und bewundernswerte gedankliche Fülle zu Papier bringt.  Das aprupte Ende berührt jeden im Raum. Eine lange Stille verliert sich unter dem Wellblechdach.

Eine Autorin ist zu Besuch um mit den Häftlingen gemeinsam den Film zu besprechen. Nachdem die Unterschiede zwischen dem Film und dem Buch besprochen worden sind folgen einige tiefergehende Fragen: “Konntet ihr euch mit einigen Eigenschaften des Mädchen identifizieren? Was gibt uns der Film mit auf den Weg?”

Die Beteiligung ist erst zaghaft, schliesslich trauen sich immer mehr Frauen  den Weg zum Mikrofon. Es folgt eine rege Gesprächsrunde:  Charakteranalyse gespickt mit vielen persönlichen Kommentaren. Der Film hat den Frauen sicherlich einige schöne nachdenkliche Stunden geschenkt. Das gleichnamige Buch zum Film wurde jedenfall am selbigen Tag bei  der darauffolgenden Buchausleihe bei uns entliehen.

Der zweite Besuch führt das Team des Bücherbusses in das Gefängnis von Matagalpa. Nach der Buchausleihe folgt die Präsentation des Films “ Der Vorleser” von Bernhard Schlink. Es handelt sich zwar nicht um ein einfaches Thema und auch die Darstellung des Geschehens ist teilweise verwirrend ( Zeitsprünge), dennoch kommen nachher sehr schöne Kommentare zustande, die insbesondere auf die “gestörte Kommunikation” zwischen den Hauptcharakteren  verweisen.

Es folgt eine weitere Veranstaltung in dem Gefängnis von Chinandega – gezeigt wird “Der Junge im gestreiften Pyjama” – und eine letzte in Granada. Dort wird das kleine Projekt “Cine Foro” mit dem Film “Das Parfum” nach dem Buch von Patrick Süskind beendet.

Es nahmen jedesmal zwischen 30 und 45 Personen teil. Die Rückmeldung war stets positiv, vor allem da die “kleine Reise” jedesmal von einem Schriftsteller oder Poet begleitet wurde, der die Gesprächsrunden mit seinen literarischen Kenntnissen bereicherte.

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