Cine-Foro

Füsse scharren über den Boden, Flüsterstimmen aus einer Ecke – es dauert noch einige wenige Minuten, dann ist es vollkommen still. Gedämpftes Licht fällt durch die Fensteröffnung und wirft Schatten auf von Eisenstäben auf den staubigen Boden. 60 Plastikstühle im schrillen pink oder schmutzigen weiss sind besetzt:  Der sonst so triste Betonbau wird heute zu einem Kino umfunktioniert.

“Cine-Foro” – Bücher werden zu Bildern.  Wir befinden uns im Frauengefängnis “La Esperanza”. An den Boxen, dem Verstärker, der Leinwand und dem Kabelgewirr haftet noch ein Hauch des Abendrots vom Vortag an dem mit geminsamen Kräften die Materialien in den treuen Bücherbus gehievt wurden. Mit verschiedenen Erwartungen  wird das Personal der Deutsch-Nicaraguanischen Bibliothek empfangen. – am heutigen Tag wird “Das Tagebuch der Anne Frank” gezeigt.

Erfreulicherweise hatten sich schonmal einige Frauen das Buch aus dem Sortiment entliehen, so ist der Inhalt für viele nicht neu. Dennoch wird ein kurzer Informationsschub vorab gegeben: Die Zeit, der Ort des Gesehens und die Umstände.

Der  Film beginnt und die Frauen verlieren sich in der Welt von dem jungen und impulsive Mädchen “Ana”.  Ein Mädchen, das eingesperrt in der Zeit des Nationalsozialismus, konfrontiert mit familiären Konflikten und gleichzeitig mit dem Erwachsenwerden , eine unglaubliche und bewundernswerte gedankliche Fülle zu Papier bringt.  Das aprupte Ende berührt jeden im Raum. Eine lange Stille verliert sich unter dem Wellblechdach.

Eine Autorin ist zu Besuch um mit den Häftlingen gemeinsam den Film zu besprechen. Nachdem die Unterschiede zwischen dem Film und dem Buch besprochen worden sind folgen einige tiefergehende Fragen: “Konntet ihr euch mit einigen Eigenschaften des Mädchen identifizieren? Was gibt uns der Film mit auf den Weg?”

Die Beteiligung ist erst zaghaft, schliesslich trauen sich immer mehr Frauen  den Weg zum Mikrofon. Es folgt eine rege Gesprächsrunde:  Charakteranalyse gespickt mit vielen persönlichen Kommentaren. Der Film hat den Frauen sicherlich einige schöne nachdenkliche Stunden geschenkt. Das gleichnamige Buch zum Film wurde jedenfall am selbigen Tag bei  der darauffolgenden Buchausleihe bei uns entliehen.

Der zweite Besuch führt das Team des Bücherbusses in das Gefängnis von Matagalpa. Nach der Buchausleihe folgt die Präsentation des Films “ Der Vorleser” von Bernhard Schlink. Es handelt sich zwar nicht um ein einfaches Thema und auch die Darstellung des Geschehens ist teilweise verwirrend ( Zeitsprünge), dennoch kommen nachher sehr schöne Kommentare zustande, die insbesondere auf die “gestörte Kommunikation” zwischen den Hauptcharakteren  verweisen.

Es folgt eine weitere Veranstaltung in dem Gefängnis von Chinandega – gezeigt wird “Der Junge im gestreiften Pyjama” – und eine letzte in Granada. Dort wird das kleine Projekt “Cine Foro” mit dem Film “Das Parfum” nach dem Buch von Patrick Süskind beendet.

Es nahmen jedesmal zwischen 30 und 45 Personen teil. Die Rückmeldung war stets positiv, vor allem da die “kleine Reise” jedesmal von einem Schriftsteller oder Poet begleitet wurde, der die Gesprächsrunden mit seinen literarischen Kenntnissen bereicherte.