Liebe Leser,

es folgen zwei Geschichten, die Geschichten von Melvin, Veronica und ihren Geschwistern. Es sind traurige Geschichten, aber auch schoene und ich erzaehle sie Ihnen, weil diese Kinder als Nutzer des Buecherbusses ein wichtiger Teil dieses Projektes sind.

Sie verdeutlichen auch einen Teil der Problematiken Nicaraguas und stehen stellvertretend fuer viele andere aehnliche Schicksale.

Dies ist eine der Realitaeten dieses Landes, jedoch bei weitem nicht die einzige.

 

Melvin

Nach einem langen Fußweg über die mehr aus Erdlöchern als sonst etwas bestehenden Straße erreichen wir unser Ziel: Ein Feldweg, der in einer Ansammlung ärmlicher Hütten endet. Hunde, Katzen, Hühner und Kinder streunen herum. Ein herumstehender Karren wird kurzerhand zum Spielobjekt, der Boden, die Hütten, die Kinder, alles scheint staubig und grau.

Die Kinder sind schmutzig, schlank, vernachlässigt, fröhlich, aktiv, laut und in nicht überschaubarer Anzahl vorhanden. Lärmend und juchzend schnappen sie sich ihre Babyhündchen und posieren stolz fürs Foto, quetschen sich zusammen, damit auch alle mit der Linse eingefangen werden können und kugeln sich vor Lachen, wenn sie sich selbst auf dem Kameradisplay entdecken.

Hier wohnen Melvin und Anibal, zwei Brüder, der eine elf, der andere sieben Jahre alt, einander wie aus dem Gesicht geschnitten mit ihrem schwarzen, glänzenden Haar, dem runden Gesicht und den mandelförmigen, fast schwarzen Augen. Die beiden sind seit Jahren Leser des Bücherbusses und besonders Melvin, von dem seine Lehrerin uns erzählt, dass er ihr bester Schüler sei, ist ein eifriger Leser.

Mit ernstem Kindergesicht blickt er beschützend auf seine Geschwister und seine junge Mutter.

Ein Junge, dem die Kindheit abhanden gekommen ist, ohne Vater aufgewachsen, der seine Mutter mit zwölf schwängerte und nochmal mit fünfzehn, aber wenigstens Geld bezahlt für seine Söhne. Zwei kleine Geschwister hat er, jeden Tag einen Fußweg von einer Stunde zur Schule zurückzulegen und seit er sieben ist, muss er auf dem Feld mithelfen. Seine Mutter ist dreiundzwanzig Jahre alt, eine hübsche Frau mit ihrem langen, schwarzgelockten Haar, den gleichen Mandelaugen wie ihre Söhne und einem netten Lächeln. An ihrer Brust der jüngste Sohn, von ihrem neuen Ehemann, ein Kleinkind mit fast blondem Haar, schläfrigen, verklebten Augen und verschmiertem Gesicht. Der Mann ist nicht da, er arbeitet, verkauft Brot auf der Straße, wie er seine Stiefsöhne behandelt, können wir nur erraten, sie bleibt ungenau. Auch sie ist ungebildet, kann kaum lesen oder schreiben, sagt aber, dass sie sehr stolz ist auf ihre Söhne, die längst schon mehr wissen als sie. Dabei blickt sie liebevoll, aber auch hilflos auf Melvin und Anibal. Gerne würde sie ihnen immer ein Frühstück mit in die Schule geben, aber manchmal hat sie einfach nichts, das sie ihnen geben könnte.

Ja, die Kindheit, die ist Melvin abhanden gekommen, nicht jedoch die Fantasie:

Sein Lieblingsbuch heißt „Sin arcoiris fuera triste“, was so viel heißt wie „Ohne Regenbogen wäre es traurig“. In der Schule, erzählt er, haben sie selber Bücher hergestellt, der Titel von Melvins Buch war: „Ohne Papier wäre es traurig“. Denn ohne Papier könnten die Menschen weder lesen noch schreiben und Bücher gäbe es auch keine.

Im Gegensatz zu diesen blumigen Titeln, mögen beide Jungs am liebsten Gruselgeschichten, die, die so richtig zum Fürchten sind. Solche haben wir leider nicht so viele im Angebot des Bücherbusses. Dafür aber viele mit bunten Bildern und das ist eines der Dinge , die Melvin an unserem Projekt gefallen. Und natürlich der Camion, der Bücherbus, dessen immer noch schneeweißes Antlitz Melvin mit einem Regenbogen und vielen Kindern, Anibal dagegen lieber mit Motorrädern und Autos verschönern würde.

Wir fragen sie nach ihren Wünschen zu Weihnachten: Für Melvin ist ein Fahrrad ganz wichtig, Anibal hätte gerne ein Spielzeugauto aus Plastik.

Melvin hat bald Geburtstag, er stellt sich vor, wie er eine Geburtstagsfeier bekommt mit Kuchen und Piñata, wie er alle seine Freunde aus der Schule einlädt und wie als Überraschungsgast Leo Messi, argentinischer Fuβballstar, auftaucht und Melvin dann sagen kann:< Ich kann nicht glauben, dass das

Realität ist!  > Denn wie für all die anderen kleinen FC Barcelona Anhänger Nicaraguas ist auch für Melvin Messi ein Held und steht meilenweit über allen anderen.

Neben diesen ganz normalen Kinderwünschen haben sie aber auch noch andere: Schuhe für den kleinen Bruder, neue Kleidung und schöne Schuhe für ihre Mutter, Sachen für die Schule, ein Haus aus Stein, ein eigenes Zimmer, einen Ausflug machen mit der Mutter.

Wenn er groβ ist, will Melvin Doktor werden, Anibal lieber Lehrer. Ob sie diese Ziele erreichen werden, steht in den Sternen, aber sicher ist, dass bis dahin noch viel Zeit bleibt zum Träumen.