Veronica

„Macht euch eure Mutter morgens euer Frühstück, wünscht sie euch viel Spaß in der Schule und verabschiedet euch mit einem Kuss?“

Eine einfache Frage, die von den meisten Kindern in Deutschland leicht mit einem Ja, natürlich beantwortet werden kann.

In Veronica jedoch löst diese Frage etwas ganz anderes aus. Tief in ihrem Inneren bewegt sich etwas, kann nicht mehr zurückgehalten werden und bricht aus: Ihre schönen, kaffeefarbenen Augen füllen sich mit Tränen.

Denn für die dreizehnjährige Veronica und ihre Geschwister Carlitos, Carla, Maria und Gioconda macht niemand Frühstück und viel Spaß in der Schule wünscht ihnen auch keiner. Sie gehen immer ohne Frühstück in die Schule. Wenn es nach den Eltern der Kinder ginge, die den ganzen Tag auf dem Markt verkaufen, würden sie gar keine Ausbildung bekommen, sondern arbeiten.

Der einzige, der sich um sie zu kümmern scheint, ist Tio Toño, der Onkel der Kinder: Das gleiche ovale und symmetrische Gesicht wie seine Nichten und sein Neffe, wettergegerbt, mit Goldzähnen, die durch sein zögerndes Lächeln blitzen. Er kann selber kaum lesen oder schreiben, sorgt sich aber darum, dass die Geschwister eine Ausbildung bekommen, bringt sie zur Immatrikulation, kommt zu Elternabenden und kocht ihnen Mittagessen, wenn sie nach Hause kommen. Vertrauensvoll schmiegen sich die Kinder an ihn, er drückt sie, legt beschützend die Arme um sie und wirkt doch selbst hilfsbedürftig. Die Lehrerin erzählt, dass er bei Elternabenden lieber von draußen zuhört und sich oft nicht herein traut.

Carlitos ist der einzige Junge, die älteren Brüder haben schon geheiratet und wohnen nicht mehr bei der Familie. Ein schüchternes Lächeln, versteckt hinter Kinderhänden, ratlose Blicke zu Boden, wenn ich ihm Fragen stelle über die Schule, seine Wünsche zu Weihnachten, was er gerne spielt. Genauso wie seine Geschwister, es kostet uns Geduld und Überzeugung, bis die Kinder anfangen, ihre Hemmungen und ihre Schüchternheit zu überwinden und uns etwas zu erzählen.

Carla, die älteste der fünf, eine Vierzehnjährige, die sehr jungenhaft wirkt, wünscht sich ein größeres Haus, eine bessere Küche und ja, ein eigenes Zimmer für jeden wäre auch schön.

Gioconda und Maria, die beiden Kleinsten, scheinen wie Zwillinge zu sein, obwohl sie fast zwei Jahre trennen, kann man sie nur an der Gröβe unterscheiden. Wenn sie sich von Santa Claus etwas wünschen könnten, dann wäre es eine Puppe, mit rosa Kleid.

Veronica wird dieses Jahr die Primaria beenden und ihre Promocion haben, die Abschlussfeier, traditionell groβ gefeiert in Nicaragua. Natürlich wünscht sie sich ein schönes Kleid und schicke Schuhe und eine Mutter, die sie schminkt und herausputzt und mit stolzgeschwellter Brust zur Feier begleitet. Und wie gerne würde sie mit ihren Geschwistern einen Ausflug machen an diesem besonderen Tag, an einen schönen Ort, weit weg von ihrem Zuhause, und einfach mal sorgenlos und unberschwert glücklich sein. Doch das wird wohl ein Traum bleiben.

Veronica wird keinen Ausflug machen mit ihren Geschwistern und auch ein elegantes neues Kleid ist nicht sicher.

Manchmal hat sie das Gefühl, als hörte ihr Leben hier auf, als gäbe es für sie keinen Ausweg aus diesem Leben. Sie hat Angst. Angst zu studieren. Angst vor all den fremden Orten. Und Angst, dass ihre Befürchtung wahr wird, dass sie niemals herauskommt und niemals ein besseres Leben leben wird.

Sie haben es schwer, die fünf Geschwister, viele Dinge entbehren sie und dennoch lächeln sie. Sie lächeln aus Verlegenheit, aus Hilflosigkeit, voller Freude, oder Stolz.