Wie ironisch ist doch das Leben

Gefangen die Freiheit zu finden

Eingesperrt zu fliegen und

In einem engen Raum zu wachsen

~

Einsamkeit

Furchtbare Einsamkeit 

Ich halte es nicht mehr aus,

ich sterbe

vor lauter Stille.

~

Das Einsperren

Beim Einsperren eines Toten bewahrt sich die Kälte eines Lebens. Du warst in meinem Atem, jetzt bist du in meinem Inneren; du isst mich Tag für Tag, wie die Sonne die Kälte des Morgens. Ich habe die Geduld des Dienstags; ich bewahre unser letztes Treffen auf und fühle die Wärme hier drinnen, auch wenn mein Körper kalt ist. In dieser Dunkelheit, mein Liebling, ist mein Körper entflammt. 

 

Ich schreie

Ich schreie und schreie, niemand hört.

Ich bitte und bitte, niemand gibt.

Hallo, hallo, wer bin ich?

Hilfe, hilfe, niemand hilft mir…

 

Blau bin ich gekleidet,

warum sieht mich niemand?

Existiere ich etwa nicht?

Bin ich tot?

Aber ich fühle mich lebendig,

hilf mir, Herr!

 

Ach, Gott!

Wenn ich gefangen bin,

habe ich keinen Wert mehr,

wenn die Regierung mich gestrichen hat

von der Liste der Vergebung.

Freiheit.

Für diejenigen, die ihrer beraubt sind, ist das ein magisches Wort, ein allgegenwärtiges Verlangen. Per Gesetz dieses elementaren Rechts beraubt zu sein ist deprimierend, nervenaufreibend, schmerzhaft und erniedrigend.

Die Autoren der oben zitierten Gedichte sind nicht frei. Sie sind Häftlinge in den vier staatlichen Gefängnisse, die der Bücherbus Bertolt Brecht monatlich besucht.

In einem von der deutsch nicaraguanischen Bibliothek ermöglichten und von der Weltbank finanzierten Workshop beschäftigten sich ca. 60 Häftlinge ein halbes Jahr lang mit Poesie und Prosa und versuchten sich auch selber im Schreiben.

Mit erstaunlichen, beeindruckenden, bewegenden Ergebnissen.

Die von den Teilnehmern eingereichten Gedichte, Kurzgeschichten und Briefe wurden zu einem Buch zusammengefasst und veröffentlicht, mit dem Titel Libertad bajo Palabra.

Ein Buch voller Fantasie und Emotionen. Gedruckte Seiten, auf denen sich Werwölfe und Nixen tummeln neben Drogenhändlern und missbrauchten Kindern.

Es geht um Einsamkeit, Trauer und Verzweiflung. Um schwierige Fälle und harte Erinnerungen.

Aber es geht auch um Träume von Freiheit und Reisen in ferne Länder oder in ein anderes Leben, um Liebe und Leidenschaft und Hoffnung.

Circa 400 Exemplare wurden gedruckt und kostenlos an die Autoren und ausgewählte Unterstützer des Projektes verteilt, nachdem das Buch ganz offiziell am 21. März in der Bibliothek vorgestellt wurde. Eine studentische Theatergruppe hatte eine Performance vorbereitet in Ermangelung der echten Artisten, deren Erscheinen von der zuständigen Behörde nicht genehmigt wurde.

Nun wird der Ball ins Rollen gebracht, Madeline Mendieta, die Direktorin der Bibliothek, trägt die Geschichten der Häftlinge ins Radio,berichtet im Fernsehen und stellt das Buch  in Schulen und Universitaeten vor. So finden die Stimmen derjenigen, die sich von der Gesellschaft vergessen und ausgrenzt fühlen, Gehör und Beachtung. Was den Autoren verwehrt bleibt, gelingt ihren Worten: Sie überwinden die Gefängnismauern und sind

FREI.